Ein Gedanke zum Tag der Gewalt gegen Frauen

Schämst du dich für deine Gesundheit? Nein? Warum werden dann in unserer Gesellschaft Geschlechtskrankheiten nicht offen thematisiert?

Ein Diskussionsgegenstand, der sowohl in den Medien als auch in der radikalen Linken viel zu kurz kommt:

Die sexuell übertragbare Infektion

Noch immer ist es ein gesellschaftliches Tabu, sich über die Erkrankung an Geschlechtskrankheiten auszutauschen und einen offenen Umgang zu pflegen. Bei einer Erkältung, Pfeifferschem Drüsenfieber oder einer Grippe würde wohl kaum jemand auf die Idee kommen, ein Geheimnis daraus zu machen und seinen Bekanntenkreis im direkten Kontakt nicht über die Ansteckungsgefahr aufzuklären. Währenddessen sprechen nur die wenigsten Menschen eine Geschlechtskrankheit direkt an. Selbst, wenn diese auch außerhalb von sexuellem Kontakt übertragbar ist. Viele Menschen wissen auch nichts von ihrer Erkrankung oder lassen sich gar nicht erst untersuchen. Doch woran liegt das?

In meinem Freundeskreis sprachen wir vor einigen Tagen über das Thema sexuelle Verhütung. Insbesondere darüber, wie diese „Aufgabe“ immer wieder auf Frauen abgewälzt wird, mit Argumenten wie: „Mein Penis ist zu groß für ein Kondom“, „Mit Kondom spüre ich aber nichts“ oder einer generellen Ablehnung nach dem Motto „Du nimmst doch die Pille“. Solche Aussagen sind Produkt einer Gesellschaft, in der immer noch ein toxisches Männlichkeitsideal vermittelt wird, das Männer dazu auffordert, ihre unglaubliche Härte und ihre Machtansprüche mit schicken Machosprüchen zu untermalen. Wir stellten fest, dass viele unserer Freund*innen bereits solche Erfahrungen machen mussten. Die Männer, die mit solchen Sprüchen auffahren, setzten die Frauen auch oft unter Druck, wenn diese sich wehrten und etwa einen vorigen Test auf übliche sexuell übertragbare Infektionen forderten. Selbst, oder gerade in Beziehungen, bei denen den Frauen bei dieser Forderung häufig unterstellt wurde, es fehle wohl am Vertrauen in die Beziehung, oder man würde ein Fremdgehen unterstellen.

„Meinst du etwa, ich ficke irgendwelche Schlampen?“ musste sich eine meiner Freund*innen bereits anhören, als sie ihren Freund bat, sich auf Geschlechtskrankheiten testen zu lassen oder ein Kondom zu tragen.

Eine derartige Stigmatisierung tritt in alle Richtungen auf. Personen aller Geschlechter, die eine sexuell übertragbare Krankheit in sich tragen, werden Vorurteilen ausgesetzt. Das Motto in der Gesellschaft ist scheinbar immer noch: Schau die Kranken dumm an und halt dich bloß fern, denn schließlich wissen wir ja alle, dass sich „AIDS“ schon durch die reine Hautberührung übertragen kann.“
Traurig, dass diese Art der Diskriminierung für Betroffene bittere Realität ist.

HIV etwa wird häufig immer noch ausschließlich mit homosexuellen Männern in Verbindung gebracht, es wird unterstellt, man würde sich „mit jedem“ vergnügen, oder man sei selbst schuld. Doch viele Erkrankte haben sich bereits Jahre zuvor angesteckt, wissen nichts von ihrer Erkrankung und verbreiten so unabsichtlich die Krankheit weiter. Oft liegt das auch daran, dass Symptome nicht bekannt sind, weil sie in der Gesellschaft tabuisiert werden, oder weil der Gang zum Arzt Scham und Angst vor der genannten Stigmatisierung erzeugt.
Hinzu kommt, dass die Tests für Geschlechtskrankheiten nicht in allen Fällen von der Kasse übernommen werden. Erst bei einem konkreten Verdacht auf eine Erkrankung wird gezahlt. Dieser kann jedoch häufig nicht begründet werden, denn der ungeschützte Akt als solches ist kein Grund und viele Erstsymptome verlaufen unerkannt und harmlos.
Die Kosten für die Tests sind gerade für finanzschwache Menschen kaum aufzubringen.

Ein weiterer Teil des Problems ist, dass die Verhütung häufig nur in Hinsicht auf die Schwangerschaftsverhütung gesehen wird. Dies ist in den Augen vieler Männer nur Frauensache, da schließlich die Frau das Kind austragen muss. Mit der Einnahme von Hormonen, dem Tragen einer Spirale, oder notfalls eben, wenn es gerade zeitlich reinpasst, einer Abtreibung.
Mir drehte sich der Magen um, als ich im letzten Jahr die Kommentare von Männern und Frauen unter einem Online-Zeitungsartikel las, der über die Entwicklung einer Pille für den Mann berichtete. Die meisten der Kommentare stimmten in einem Punkt deutlich überein: Warum solle man sich bewusst Hormone dem Körper zuführen, das sei schließlich keine Männersache. Die Frauen sollten aufpassen oder abtreiben, wenn sie keine Lust auf eine Mutterschaft hätten. Dass Millionen Mädchen und Frauen mit einem künstlich veränderten Hormonspiegel leben müssen, wird ignoriert. So gibt es zwar kaum ungewollte Schwangerschaften, dafür aber andere lustige Spielereien wie eine erhöhte Thrombosegefahr, Stimmungsschwankungen, Wassereinlagerungen und vieles mehr.

Aussagen wie diese sind also mehr als nur frauenverachtend, sie sind brandgefährlich. Denn zum Geschlechtsverkehr gehören immer zwei.

Liebe Männer, im Zweifel ist nicht nur die Frau Mutter, sondern ihr auch Vater und in jedem Fall müsst auch ihr Verantwortung tragen, ob finanziell oder persönlich. Eine Abtreibung ist keine Lösung des Grundproblems, die Auswirkungen einer solchen, ob psychisch oder physisch sind massiv, und können langjährige Folgen für die Frau haben. Eine Frau zu einer Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung zu zwingen, steht niemandem auch nur im Entferntesten zu.
Warum es also soweit kommen lassen?

Im Übrigen kann jede*r eine Geschlechtskrankheit von seinen Freund*innen oder Geschlechtspartner*innen bekommen, wenn ihr sie unbedingt dazu bringen wollt, ohne Kondom mit euch zu schlafen. Die Entscheidung für oder gegen Verhütung muss IMMER einvernehmlich getroffen werden, denn ihr habt nicht die Macht zu entscheiden, wie es im Bett läuft, nur weil ihr keinen großen Wert auf eure Gesundheit legt, oder selbst nicht schwanger werden könnt.

Menschen aller Geschlechter, schiebt die Verantwortung nicht weg von Euch, denn Verhütung geht uns alle an. Nehmt euren Freund*innen die Angst, offen mit Erkrankungen umzugehen und tragt dazu bei, die Verbreitung von sexuell übertragbaren Infektionen zu verhindern. Schämt Euch nicht, für Eure Gesundheit einzustehen und macht anderen und euch selbst bewusst, dass eine Person mit einer sexuell übertragbaren Infektion die gleichen Bedürfnisse und Ansprüche hat, wie ihr, und nicht weniger Mensch ist.

Seid euch und anderen gegenüber ehrlich und solidarisch. Schreitet ein, wenn ihr mitbekommt, dass Frauen von anderen, egal ob in einer Beziehung oder im Club zu sexuellen Handlungen „überredet“ oder aktiv gezwungen werden. Auch der Zwang zu Sexualverkehr ohne Verhütung ist nichts anderes als sexuelle Gewalt oder Vergewaltigung, was immer wieder kleingeredet wird.

Setzt euch für eine Welt ein, in der Verhütungsmittel, Tests auf Geschlechtskrankheiten und Informationsfreiheit über Abtreibungen für alle Menschen frei und kostenlos zugänglich sind. Gesundheit darf kein Privileg der Reichen und kein Spekulationsmittel sein.
Sprecht auch mit euren männlichen Freunden über die Erfahrungen mit der Verhütung, über Stigmata und toxisch männliche Dominanz.
Nur so können wir gemeinsam die Ausbeutung und Sexualisierung der Frau beenden.

Stellt euch gegen Sexismus in allen Formen und in jeder gesellschaftlichen Ebene!

Hoch die Solidarität.

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