Fürstliche Weihnachten

(Artikel von junge Welt)

Maximilian Schäffer

In Regensburg gibt es fettige Wurst, süßes Bier und Gloria von Thurn und Taxis – in der Adventszeit sogar alles auf einmal

In der sehr braven Stadt Regensburg in der schönen Oberpfalz im noch schöneren Bayern steht ein schönes Werk. Und neben dem schönen Werk steht noch ein schönes Werk und daneben noch eines, und mittlerweile sieht es gerade so aus, als wäre die ganze kleine Stadt eingerahmt von lauter Werken. Was da alles Schönes hergestellt wird: Autos, Computerchips, Leistungstransformatoren und Bierflaschenwaschmaschinen.

Zur Produktion dieser begehrten Güter benötigt es Menschen. Die Bürger von Regensburg aßen schon immer gerne Wurst mit süßem Senf. Viel hatten sie sich schon immer darauf eingebildet, die allererste Würstchenbraterei der großen weiten Welt beheimatet zu haben. Unten an der Donau, dort wo es so schön windig ist und die Strudel sich nicht nur im Gedärm drehen, da stand das klitzekleine Steinhäuschen, aus dem es immerzu nach Kohlenqualm und Schweinefett duftete.

Die Wurst, auf die man sich so viel einbildete, war grob. Die Leute noch gröber. Über Jahrhunderte hinweg waren sie Bauern und seit 1871 emsig mit der Tabaks-, Steingut- und Seifenproduktion beschäftigt. Reden taten diese Leute nie, sie hatten keine Zeit und keine Lust. Arbeiteten sie nicht, saßen sie im Wirtshaus und beschäftigten sich am liebsten mit dem Kartenspiel »Watten«, das im Gegensatz zum weitaus anspruchsvolleren »Schafkopfen« mit einer guten Portion Glück und Stumpfsinn einhergeht. Der Vorteil beim Watten besteht darin, dass Spielstrategien mündlich oder plump gestikulierend vereinbart werden müssen. Man kommt mit fünf Wörtern aus: Max! Belle! Bise! Dant! Maschin!

Mehr Vokabeln und mehr Themen überfordern den Regensburger. Seit Jahrhunderten vermeidet der Oberpfälzer jedes unnötige Wort. Nicht, weil er es nicht kennt, sondern weil er es nicht denken will. Kartenspiel, konzentrierte Kommunikation und Saufen. Süßes, schweres, einfältiges Bier – Regensburg hat vier Brauereien. Süßes Bier und fette Wurst, die Kulturleistungen Regensburgs werden von den Regensburgern geliebt, sie sind stolz darauf.

Früher braute auch das alte Ritterhaus Thurn und Taxis ein eigenes Bier. Die ortsansässige Arbeiterklasse rief das Gebräu ob seines feinen Geschmacks und seiner edlen Süffigkeit liebevoll als »Thurn und Taugtnix« aus. Heute kommt das adlige Gerstengold aus München – der Stadt, der Regensburg im Jahre 2017 innigst gleichen möchte.

Regensburg existiert, wie München, eigentlich nicht. Es gibt einen Stadtkern aus dem Mittelalter und ringsum die schönsten Immobilienprojekte der 1960er, 70er, 80er und das Beste von heute. In der alten Stadt, in engen Gasserln, zwischen Kircherln und Kapellerln, wohnt das heilige Jesukindlein. Hier hat es sauber zu sein. Für Wohnungen, wo schmutzende Menschen hausen, ist schon lange kein Platz mehr. In der wirtschaftlich fünftstärksten Stadt Deutschlands (2015: 83.237 Euro BIP/Kopf) findet selbst der Gutverdiener keine Mietwohnung mehr. Zwar könnte der hochgotische Dom Sankt Peter leicht zu einer schicklichen Genossenschaft für mindestens 14 Familien umgestaltet werden, doch lieber pflastert man statt dessen Alt- wie Reststadt mit Fertigbaublöcken zu, die sich nur leisten kann, wer ordentlich geerbt hat. Hauptsache neu und sauber – der städtebauliche Dampfstrahler geht um.

Keine Sorgen ums Obdach muss sich hingegen die kreuzbrave, wie gutherzige Fürstin Gloria machen. Ihre bescheidene Hütte findet sich im Schloss St. Emmeram, einem ehemaligen Augustinerkloster, das Napoleon säkularisierte, am Rande des Stadtzentrums. In den bunten 1980ern trug sie papageienhafte Frisuren und spielte mit der Metrosexualität. Mittlerweile beschweren strenge Brillen Marke Hilfsschulvorsteherin ihre Nüstern, aus denen sie bisweilen schnaubt, dass der Heilige Vater im Himmel die Schwulen gar nicht lieb hat und dass der Afrikaner an sich gerne schnackselt. Sie kann reden, was sie will, denn sie erbte ein großes Vermögen. Eines von denen, die man nach Meinung ihres 1990 verstorbenen Ehemanns und Fürsten »nicht versaufen oder verhuren«, sondern höchstens »verdummen« kann.

Um dem vorzubeugen, hat die Gloria (57) beschlossen, das Geld der Regensburger einzusammeln, wie es die Familie, deren Namen sie heiratete, seit Jahrhunderten tat. Seit 2003 lockt sie den internationalen Jetset ihrer Jugend zu »Schlossfestspielen« in die Donauebene. Belangloser Opernkitsch wechselt sich da mit Galaabenden bodenständiger Unterhaltungsmusik ab. Elton John, Tom Jones, Sting, Art Garfunkel, José Carreras – alle kamen sie, das Publikum in intimer Atmosphäre mit sozial ausgrenzenden Kartenpreisen zu privilegieren. Für die kleinere Brieftasche des fleißigen Regensburgers erfand die Gloria den »Romantischen Weihnachtsmarkt«. Auf dem Grund ihrer Sippe kann fürstliche Luft, bzw. das Blut und Sperma von Bild, Bunte und Frau am Herd usw., schnuppern, wer bereit ist, 9,50 Euro für den Eintritt zu berappen. Kinder (von 6–16) und Behinderte dürfen für zwei Euro im ehemaligen Klostergarten lustwandeln. Was die Händler auf dem Markt der Fürstin zu zahlen haben, weiß höchstens der ortsansässige Veranstaltungsmogul Peter Kittel, der Glorias Adventsparadies koordiniert. Ein berühmter Mann, der in seiner selbstverlegten Stadtzeitung ansagt, wen man in Regensburg nicht zu mögen hat: Asylanten, Linke und sonstige Bedrohungen für die schwarzbraune Haselnuss-Seligkeit. 2016 zeigte er das alternative Internetportal Regensburg Digital, das ihn »Pegida-Peter« genannt hatte, an und blitzte instant bei der Staatsanwaltschaft ab.

Wem die Zugangstaxe für den Weihnachtsmarkt zu teuer ist, der kann die Engelssilhouette der Gloria aus dem regionalen Anzeiger Wochenblatt ausschneiden, denn damit kommt man an einem bestimmten Tag der Aktionsgnade umsonst rein. Seit Juni dieses Jahres kolumniert die Gloria monatlich im Wochenblatt, passend arrangiert zwischen Metzgereiwerbung und wutbürgerlichen Schlagzeilen aus Ostbayern. Ihre Themen sind Luxusschuhe, Kalorienzählen und die AfD.

Für die fettige Wurst und das süße Bier ist im Adventsparadies trotz Coupon selbst aufzukommen. Kann man sich die dem Oktoberfest zu München angepassten, überteuerten Preise nicht leisten, muss man den Identitätsnachweis zur neuen S-Klasse von Jobcenter oder Sozialamt fürs fürstliche Manna vorlegen, mit dem man sich nebenan in der »Notstandsküche« ein extra gekochtes Armenessen abholen darf.

Das brauchen die Regensburger eh bald alle, wenn sie sich ihre Stadt weiterhin von den asozialen Instanzen wegnehmen lassen, die sie über Jahrhunderte hinweg so brav verehrten: Kirche, Adel, Geldbauern, Dampfstrahler und die CSU. Nicht zu vergessen: die Immobilienfonds. Dass Ihnen in dieser Hinsicht nicht einmal die SPD Hoffnung gibt, mussten sie schmerzlich lernen, als der ausnahmsweise einmal sozialdemokratische Oberbürgermeister Joachim Wolbergs zu Anfang des Jahres einige Wochen in Untersuchungshaft absaß. Ein Immobilien- und Spendenskandal geht um, und der Würdenträger verweigert sich jeglichem Schuldeingeständnis. Nun entscheiden Gerichte, ob die Ehre der schönen Stadt im schönen Bayern mit den schönen Werken, der fetten Wurst und dem allerschönsten Weihnachtsmarkt noch zu retten ist.

In der Oberpfalz ist man zuversichtlich: Auch den Skandal mit mindestens 547 missbrauchten und mißhandelten Singknaben bei den Regensburger Domspatzen hat man erfolgreich beiseite gewischt. Kreuzbrav und schweigsam: Hauptsache, man muss nicht darüber reden. Die Bürger der Stadt hoffen innigst, dass alles Schlechte bald vorübergeht. Die Bänder der Fabriken haben über Weihnachten und Silvester tunlichst durchzulaufen. Schließlich braucht man viel Geld, um es nächstes Jahr wieder in süßes Bier und fette Wurst in den »Romantischen Weihnachtsmarkt auf Schloss Thurn und Taxis« zu investieren.

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